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Affekt-Regulierung und die Auswirkungen von frühen Beziehungs-Traumata auf die Entwicklung der rechten Gehirnhälfte


Die neuesten Erkenntnisse aus der Gehirnforschung der letzten zehn Jahre zeigen auf, dass frühe Störungen in der Mutter-Säuglings-Beziehung gravierende Auswirkungen auf die Entwicklung der rechten Gehirnhälfte haben. Diese Erkenntnisse hat vor allem Allan Schore in seinen Büchern und Artikel umfassend zusammengefasst; aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven - Neurobiologie, Neurophysiologie, Psychoanalyse und Traumaforschung - betrachtet er die Auswirkungen früher Beziehungstraumata auf die mentale Gesundheit des Kindes und des Erwachsenen. Leider sind seine Bücher und Artikel bisher nicht übersetzt, sondern nur auf Englisch nachzulesen. (z.B. unter www.trauma-pages.com und siehe Literaturliste unserer Homepage). Wir versuchen hier, einige seiner Gedanken kurz zusammen zu fassen.

Das menschliche Gehirn hat bei seiner Geburt ein Gewicht von 400g, am Ende des 2. Lebensjahres von 1200g. In diesen zwei Lebensjahren findet eine rasante Gehirnentwicklung statt, dabei entwickelt sich im ersten Lebensjahr vor allem die rechte Gehirnhälfte. Sie ist verbunden mit dem limbischen System, das auch als "Sitz der emotionalen Intelligenz" bezeichnet wird.

Schore beschreibt, dass "Entwicklung verstanden werden kann als die Transformation von externer in interne Regulierung". Der Säugling kann seine inneren Aufregungen noch nicht selbst steuern, er kann sich nicht selbst beruhigen. Dazu braucht er eine externe Person, die seine Bedürfnisse erkennt und die angemessen und prompt reagiert. Die primäre Bezugsperson reguliert den kindlichen Stress und ist dadurch die Quelle für Sicherheit. Wenn jedoch das Kind in der Beziehung zur Bezugsperson nicht Sicherheit, sondern Gefahr empfindet, haben Verletzungen der Homöostase signifikante kurz- und langzeitige Konsequenzen für die reifende Psyche und das reifende Gehirn. Die individuell früh erfahrene Regulierung von Stress bildet das Stressmuster für unser gesamtes Leben und ist - nach Ansicht von Schore und anderen - Grundlage vieler Psychopathologien, die in der Regel mit der Regulierung von Affekten zu tun haben. Schon kleinste Stressauslöser können so auch später den Erwachsenen in einen körperlichen Alarmzustand, in heftige Affekte versetzen, die mit seiner augenblicklichen Realität nichts zu haben und von ihm nicht und nur sehr schwer reguliert werden können.

Das unreife kindliche Gehirn entwickelt sich rasant und ist deshalb extrem verletzlich gegen frühe, ungünstige Erfahrungen einschließlich ungünstiger sozialer Erfahrungen. Die primäre Bezugsperson agiert als ein externer psychobiologischer Regulator des erfahrungsabhängigen Wachstums des kindlichen Nervensystems. Diese frühen Erfahrungen prägen sich während der Reifung des Gehirns in den ersten zwei Lebensjahren in die neurobiologische Strukturen ein und haben dadurch weitreichende Wirkung. Eisenberg nennt das die "soziale Konstruktion des menschlichen Gehirns".

Frühe Traumata wirken sich insbesondere auf die Entwicklung der rechten Gehirnhälfte aus, die Hemisphäre, die darauf spezialisiert ist, sozio-emotionale Informationen zu verarbeiten. In den verschiedenen Stadien der Gehirnentwicklung organisieren sich neuronale Systeme, die dauerhafte Spuren hinterlassen. Das heißt, dass traumatische Zustände in der Kindheit psychobiologische Änderungen hinterlassen, die zustandsabhängige Affekte, Verstandes- und Verhaltensänderungen verursachen. Da sie in einer kritischen Phase des Gehirnwachstums entstehen, beeinflussen sie auf negative Weise die erfahrungsabhängige Entwicklung des strukturellen Systems, das Affekte reguliert. Bindung ruft limbische Prägung hervor; kindliches Trauma trifft zusammen mit der kritischen Zeit der Organisation des limbischen Systems und behindert dadurch die zukünftige Fähigkeit des Individuums, sich an eine schnell verändernde Umwelt anzupassen und neues Lernen zu organisieren.

Die Frage, die wir aufgrund dieser neuen Erkenntnisse stellen müssen, ist, ob Psychotherapie solche in der Struktur des Gehirns eingeprägten Muster verändern kann. Dazu gibt es sehr unterschiedliche Aussagen. Sicher ist, dass wir in der Psychotherapie mit mehr Bewusstheit und Achtsamkeit unsere Stressmuster und unsere Affekte genauer kennen lernen und dann auch anders damit umgehen können. Nach unseren Erfahrungen verändert Bewusstheit auf Dauer auch die Stressmuster. Bewusstheit meint hier vor allem Körperbewusstheit im Spüren und präzisen Benennen dessen, was wir im Hier und Jetzt wahrnehmen.