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Bindungstheorie

Die von John Bowlby in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts begründete Bindungstheorie öffnet unseren Blick auf menschliches Verhalten und menschliche Bedürfnisse aus einer anderen Perspektive.

Jeder Mensch hat das tiefe Bedürfnis, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen. Die Art und Weise, wie er diese Beziehungen eingeht, wie stabil sie sind, wie verlässlich und wie intensiv, hat viel mit der ersten Beziehung zu seiner primären Bezugsperson, in der Regel der Mutter, zu tun. In der frühen Abhängigkeit des Säuglings zu den Erwachsenen in seinem Umfeld, die für Nahrung, Wärme, Geborgenheit, Berührung sorgen, erfährt der Mensch eine primäre Bindung, die, je nach Qualität der erfahrenen Fürsorge, sein Beziehungsmuster für das ganze Leben wesentlich prägt. Die Mutter als "sichere Basis" erlaubt es dem Kleinkind, die Welt zu erforschen, Neues zu erfahren und mit Stress umzugehen.

Definition von Bindung:

" Bindung ist ein emotionales Band, das sich während der Kindheit entwickelt, dessen Einfluss aber nicht auf diese frühe Entwicklungsphase beschränkt ist, sondern sich auch auf alle weiteren Lebensabschnitte erstreckt. Somit stellt Bindung eine emotionale Basis während des ganzen Lebens bis ins Alter hinein dar.

Mutter und Säugling sind Teilnehmer in einem sich wechselseitig bedingenden und selbstregulierenden System. Die Bindung zwischen Mutter und Kind innerhalb dieses Systems unterscheidet sich von "Beziehung" dadurch, dass "Bindung" lediglich als ein Teil des komplexen Systems der Beziehung verstanden wird."
(Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen, Klett-Cotta, Stuttgart 2001)

In der Gestalttherapie wurde auf die Beziehung zwischen Therapeut und Klient schon immer besonderen Wert gelegt. Beziehung können wir unter dem Aspekt der Bindungstheorie noch genauer untersuchen und bewusster gestalten. Einerseits ist für den Klienten in der Therapie eine "sichere Basis" enorm wichtig, damit er sich schmerzhaften Themen nähern kann; andererseits fürchtet er sich, aufgrund früher Bindungserfahrungen, oft vor Nähe und Kontakt. Um für den Klienten diese "sichere Basis" zu schaffen, bedarf es deshalb einer sehr achtsamen und bewussten Präsenz des Therapeuten. Das Bindungsverhalten und die frühen Bindungserfahrungen des Klienten zu erkennen, ist dabei, für Therapeut und Klient, von großem Nutzen.