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Inhalt
Die Gestalttherapie
Die historischen Wurzeln der Gestalttherapie
Der Begriff "Gestalt"
Awareness
Das dialogische Prinzip
Hier-und-Jetzt
Die phänomenologische Haltung
Die Gestalttherapie als tiefenpsychologische Therapie
Anwendungsfelder der Gestalttherapie


Die Gestalttherapie

Die Gestalttherapie baut auf bestimmte Werte und Grundannahmen.
Im Mittelpunkt steht ein ganzheitliches Weltbild; die Gestalttherapie sieht den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist und unterstützt uns, Ganzheit wiederzuerlangen. Der Mensch hat die Fähigkeit zur Selbstregulierung und Selbstheilung. Er steht in einer ständigen Wechselbeziehung zu einem Umfeld sozialer, gesellschaftlicher und ökologischer Bedingungen, und er ist selbstverantwortlich.
Die Gestalttherapie ist phänomenologisch; ihr Ziel ist awareness, Bewusstheit. Die Gestalttherapie hilft, unsere Bewusstheit zu differenzieren und zu erweitern. Sie unterstützt den Prozess der Selbstwerdung, indem sie den Weg zu unserem eigentlichen Selbst öffnet, zu dem, was für uns stimmig ist.
Die unterschiedlichen verbalen und nonverbalen Methoden und Techniken der Gestalttherapie stehen nie im Vordergrund. Wesentlich ist die Begegnung zwischen Klient und Therapeut und die dialogische Haltung des Therapeuten. Mit einem annehmenden Blick auf den Klienten stellt er im Hier-und-Jetzt seine eigene Wahrnehmung zur Verfügung, ohne zu bewerten. Gemeinsam mit dem Klienten erforscht er die wesentlichen Fragen: Wie hindere ich mich daran, ganz im Fluss des Seins zu leben und meine Potentiale so zu entfalten, wie es mir entspricht? Was ist passiert, dass ich als Erwachsener das unmittelbare Da-Sein des kleinen Kindes nicht oder nur noch selten erleben kann, dass ich meist in der Vergangenheit oder Zukunft und nicht in der Gegenwart lebe, dass ich nicht auf das schaue, was gerade aufregend im Vordergrund ist. Dabei vertraut der Therapeut darauf, dass Veränderungen dann geschehen können, wenn wir anerkennen, was ist.
Die Gestalttherapie ermutigt zum Experiment und zu neuen Erfahrungen, frei von einengenden Methoden und Konzepten. Sie öffnet einen Raum des Erlebens, in dem Altes wieder auftauchen und Neues gewagt werden kann; einen Raum für Spontaneität und Kreativität, für neue individuelle Antworten und neue Fragen. Sie lädt ein, unseren eigenen Weg zu gehen in unserem eigenen Rhythmus.
Die Gestalttherapie ist mehr als Psychotherapie: Sie ist eine Lebens-Art mit einem eigenen Blick auf die Erscheinungen und ihre Beziehungen.

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Die historischen Wurzeln der Gestalttherapie
Die Gestalttherapie wurde um die Mitte des letzten Jahrhunderts vor allem von Fritz und Lore Perls und von Paul Goodman entwickelt. Sie gehört zu den humanistischen Therapien, dem "dritten Weg" neben Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Ihre geistigen Wurzeln liegen in therapeutischen und philosophischen Strömungen europäischer, amerikanischer und östlicher Herkunft, in der Psychoanalyse, Existenzphilosophie und dialogischen Philosophie Martin Bubers, in der Gestaltpsychologie, Feldtheorie und Phänomenologie, im Zen-Buddhismus und Taoismus, um nur die wichtigsten
zu nennen. Diese vielfältigen Einflüsse verbindet die Gestalttherapie zu einem neuen eigenständigen Ganzen.

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Der Begriff "Gestalt"
Der Begriff "Gestalt" stammt aus der Gestaltpsychologie bzw. Gestalttheorie. Von ihr hat die Gestalttherapie gelernt, dass der Mensch seine Wahrnehmungen zu sinnvollen Einheiten, "Gestalten", zu schließen versucht. Eine Gestalt ist mehr als die Summe ihrer Teile; alles Erfahrbare - auch eine Begegnung, eine Erinnerung, ein Gefühl - kann Gestalt sein.
In der gestalttherapeutischen Theorie folgt Wahrnehmung dem Prinzip von Figur und Grund. Figur ist das, was sich in unserer Wahrnehmung in den Vordergrund drängt, was unserem gegenwärtigen Bedürfnis entspricht. Die Figur hebt sich ab von einem Hintergrund, etwa einem biographischen Zusammenhang. Was wir als Figur oder Grund wahrnehmen, ist eine Frage des Blickwinkels, den wir aktiv wählen.
Die Gestalttherapie sieht unser Erleben als eine ununterbrochene Folge von Figur-Grund-Bildungen. Diese Folge im Fluss unserer Wahrnehmung kann gestört sein, wenn wir etwa Gedanken an Vergangenes, zum Beispiel an unabgeschlossene Situationen, anhaften. Die "offenen Gestalten", unerledigte, auch traumatische Erlebnisse, werden in der gestalttherapeutischen Arbeit aufgedeckt und geschlossen, damit Energie wieder frei fließen kann.

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Awareness
Awareness meint in der Gestalttherapie eine Form des Wahrnehmens und Erfahrens. Sie meint den Prozess eines aufmerksamen Schauens, eines wachen Kontakts mit dem, was Hier-und-Jetzt ist, und damit, wie wir es erleben; sie meint ein Gewahrsein für unser Innen und für unser Außen, für körperliche Empfindungen und Gefühle und für unsere Bezogenheit im Feld des Miteinander.
So wie uns das Denken mit der Welt verbinden kann, so kann es uns auch trennen und zu einer Dominanz rationaler Konzepte und zu Selbstentfremdung führen. Fritz Perls' Satz "Lose your mind and come to your senses" verstehen wir als Einladung, nicht jede Wahrnehmung sofort zu "bedenken", zu interpretieren und zu analysieren; als Einladung zur awareness, zu einem bewussten, ganzheitlichen Spüren.
Awareness führt uns zu einem Erkennen dessen, was ist, und dessen, was wir in der Vergangenheit erlebt und in den Zellen unseres Körpers gespeichert haben. Sie lässt uns die Einheit der scheinbar getrennten Phänomene erfahren und bedeutet selbst bereits die Lösung des Problems.
Awareness setzt uns in die Lage zu wählen. Awareness heißt auch Bewusstheit darüber, dass ich durch meine Wahrnehmung die Welt selbst gestalte und dass ich dafür die Verantwortung übernehme.

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Das dialogische Prinzip
Die Gestalttherapie sieht als Grundlage für Veränderung die Beziehung, das Im-Kontakt-Sein mit dem anderen. Der Therapeut begegnet dem Klienten nicht als Experte, sondern als ein Gegenüber in einer "Ich-Du-Haltung" (Martin Buber). Er wird Probleme nicht deuten und keine Lösungen vorgeben, sondern versteht sich als Begleiter auf einer gemeinsamen Forschungsreise. Er weiß, dass Therapeut und Klient gemeinsam ein Feld bilden, in dem Wahrnehmung durch das Da-Sein des anderen wesentlich beeinflusst wird.
Die dialogische Haltung in der Gestalttherapie zieht am deutlichsten die Grenze zur psychoanalytischen Therapie, in der der Therapeut versucht, eine "leere Projektionsfläche" zu bleiben, und in der persönlicher Kontakt zwischen Therapeut und Klient vermieden wird. Auch wenn in einer Therapie der Therapeut mit seinen persönlichen Anliegen immer im Hintergrund bleibt und der Klient mit seinen Anliegen im Vordergrund steht, so ist in der Gestalttherapie der Therapeut doch als ein Gegenüber präsent, auch mit seinen Gefühlen. Diese Präsenz öffnet den Raum für Begegnung, in der beide, Therapeut und Klient, wachsen können.

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Hier-und-Jetzt
Das Hier-und-Jetzt als räumliche und zeitliche Zuordnung unseres Gewahrseins ist Ausgangspunkt der gestalttherapeutischen Arbeit, denn alles Denken und Fühlen geschieht immer nur in der Gegenwart. Auch wenn der Gegenstand unseres Gewahrseins ein Ereignis ist, das irgendwo und irgendwann anders stattgefunden hat oder als zukünftiges Ereignis vorgestellt wird, so wirkt er doch immer in die Gegenwart hinein und beeinflusst unser aktuelles Sein.
Die Vergangenheit können wir nicht ändern; aber wir können lernen, die Wirkung vergangener Ereignisse und früher Erfahrungen freundlich anzuschauen, unseren Blick auf die Vergangenheit zu ändern; dann ändert sich auch ihre Wirkung. Die gestalttherapeutische Arbeit ist manchmal wie eine Reise: Sie beginnt in der Gegenwart, folgt den Phänomenen (der Körpersprache, der Stimme, dem Atem), landet so in der Vergangenheit, lässt das Vergangene erfahren, um dann das Erfahrene zu integrieren.

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Die phänomenologische Haltung
Den Klienten in einer phänomenologischen Haltung zu begleiten, heißt, im kontinuierlichen Prozess des Miteinander möglichst nahe dem zu folgen, was sich den Sinnen zeigt, ohne Vorstellung oder Konzept, ohne Wertung oder Urteil, ohne die Absicht zu erkennen oder zu helfen, heißt unbeschriebene Offenheit. So öffnet sich der Raum für die Erscheinungen und ihre Wirkung. Der Therapeut wird dem Klienten helfen, wahrzunehmen, was ist. Eine phänomenologische Haltung zu üben, ist ein wesentlicher Teil des gestalttherapeutischen Weges.

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Die Gestalttherapie als tiefenpsychologische Therapie
Der Begriff "Tiefenpsychologie" wurde zunächst als Synonym für die Psychoanalyse Sigmund Freuds angewandt. Dabei meint "Tiefe" eine zeitliche und eine örtliche Dimension, die Vergangenheit und das Unbewusste; "Tiefe" bedeutet den Rückbezug von gegenwärtigen Problemen auf Ereignisse und Erfahrungen in der Kindheit und auf das Erforschen des Unbewussten. "Tiefenpsychologisch" sind alle psychotherapeutischen Verfahren, die seelische Phänomene einteilen in Phänomene eines sichtbaren Vordergrunds und eines verborgenen Hintergrunds.
Gestalttherapeuten nennen unbewusste, verdrängte Kräfte, die unser Erleben und Verhalten beeinflussen, "unerledigte Geschäfte", nicht- geschlossene Gestalten. Sie wirken in die Gegenwart und hindern uns oft an der freien Entfaltung unseres Potentials. Mit diesen Wirkungen vergangener, oft sehr früher Erlebnisse, arbeitet die Gestalttherapie und hilft so, verdrängte und unterdrückte Anteile unseres Selbst ins Gewahrsein kommen zu lassen und Abgespaltenes zu integrieren.

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Anwendungsfelder der Gestalttherapie
In ihrer phänomenologischen Haltung lädt die Gestalttherapie zu einem anderen Schauen und einem anderen Da-Sein ein und kann so in den unterschiedlichsten Feldern angewandt werden: in der Einzel- und Gruppentherapie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, in der Paar- und Familientherapie, im klinischen Bereich, in psychosozialen und pädagogischen Arbeitsbereichen, in der Supervision und Organisationsentwicklung.

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